 Nanai
LuxusLeder aus dem Wasser
Dass Holger Hain innerhalb weniger Monate vom Manager des größten
Räucherlachsproduzenten der Welt zum innovativen Hersteller von
Highend-Luxusleder werden konnte, ohne die Branche zu wechseln,
hätte sich der 38-Jährige noch vor ein paar Jahren wahrscheinlich
nicht vorstellen können. Aber: Erstens kommt es anders und
zweitens als man denkt. Als Geschäftsführer der Laschinger GmbH
exportierte er Lachs in alle Teile der Welt, jetzt sorgt er mit
nanai dafür, dass den exklusiven Modehäusern, innovativen Möbel-
und Fahrzeugdesignern und kreativen Inneneinrichtungsarchitekten
ein neues Arbeitsmaterial zur Verfügung steht: hundert Prozent
chromfrei gegerbtes Leder aus Lachshäuten. Oder genauer:
Nanaileder.
Die Nanai, auch „Die
Goldenen“ genannt, sind ein indogenes Volk ansässig am Amurfluss
im Osten Sibiriens, das seit Jahrtausenden die Tradition der
Lachslederherstellung pflegt. Von einem Künstler aus dem Volk der
Nanai lernten Holger Hain und sein Team die Gerbung der Lachshaut
auf traditionelle Art, welche ohne chemische Zusatzstoffe im
Herstellungsprozess auskommt. In zahlreichen Versuchsreihen wurden
die Ergebnisse optimiert und zu einem weltweit einzigartigen
industriellen Verfahren weiterentwickelt. Heute wird das
Nanaileder in einem vollkommen neuen, mehrstufigen und
umweltschonenden Prozess hergestellt. Die ökologische
Verträglich-keit ist das Herzstück seiner Produktion und
Nanaileder eine einleuchtende Alternative im Markt der exotischen
Ledersorten, da es ein Nebenprodukt der Lachsindustrie ist und
kein Tier der Haut wegen gezüchtet wird. Zu ethisch oder
ökologisch bedenklichen Praktiken eine Alternative zu bieten, ist
Hain besonders wichtig. Das beginnt bei nanai schon mit der
Auswahl der Lachse.
Für Nanaileder werden nur Tiere aus zertifizierten irischen
Biolachsfarmen verwendet. Auch die Färbung geschieht auf
vegetabiler, das heißt pflanzlicher Basis. Obwohl die
flächendeckende Markteinführung erst im nächsten Jahr ansteht,
kann sich der ehrgeizige Manager über mangelnde Aufträge schon
jetzt nicht beklagen. Erklärend schwärmt er von den
unvergleichlichen Produkteigenschaften des Nanaileders – so dünn
und leicht ist es und gleichzeitig so robust und reißfest –, den
vielen Farben, der charakterstarken Optik und den vielfältigen
Möglichkeiten, die Nanaileder in Zukunft bieten könnte.
Holger Hain bereitet gerade die Markteinführung von Nanaileder
vor. Das Interesse von exklusiven Modehäusern, Fahrzeugdesignern
und Innenein-richtern ist überwältigend.
Sie arbeiten
seit 2003 im Lachshandel. Gab es einen bestimmen Moment, an dem
Sie das Potenzial von Lachsleder entdeckt haben?
Ja, den gab es. Wir haben 2004 unsere zweite Fischfabrik gebaut,
in der Nähe von Danzig, in Polen. Obwohl Herr Laschinger sich
operativ aus seinem Unternehmen zurückgezogen hat, war er während
der Bauzeit vor Ort. Irgendwann fiel mir seine Dokumententasche
auf. Sie war mit einem Lederstreifen verziert, der auf den ersten
Blick wie Schlangenleder aussah. Mir gefiel die Tasche und ich
fragte ihn: „Das ist doch keine Lachshaut, oder?“ Er antwortete:
„Was glaubst denn du, natürlich!“ Wir haben uns seit Jahren über
die Wertschöpfung der Lachsabschnitte Gedanken gemacht, aber auf
die Idee, aus der Haut Lachsleder herzustellen, war ich bis dahin
noch nicht gekommen. Herr Laschinger erzählte, dass ihn irgendwann
in den Achtzigern ein russischer Geschäftspartner in Bischofsmais,
dem Stammsitz des Unternehmens, besuchte und ihm angeboten hat,
Lachsleder herzustellen. Es entstand sogar eine erste Maschine,
mit der sich die Lachshaut schonend abspalten ließ. Doch damals
fehlten das Geld und die Zeit, die Idee weiter zu verfolgen. Dann
erzählte er mir euphorisch, wie strapazierfähig Lachsleder ist. Er
hatte Recht: Nach 20 Jahren sah das Leder auf seiner Tasche aus
wie neu. Motiviert und voller Neugier begannen wir mit den
Versuchen zur Herstellung von Lachsleder. Bei unseren
Nachforschungen stießen wir immer wieder auf den Namen Nanai, eine
Region in Sibirien, wo die Einwohner seit Jahrtausenden Fischhäute
gewaschen, vernäht und als Schutzkleidung verwendet haben.
Haben Sie Kontakt mit den Nanai aufgenommen?
Ich bin im Zuge der Recherche auf einen Nanai gestoßen, der in
Wien als Künstler und Bildhauer lebt. Seine Lebensgefährtin ist
eine Deutsche aus dem Raum München. Ich habe mit den beiden
Kontakt aufgenommen und konnte ihr Interesse an einer
Zusammenarbeit wecken.
Der Künstler ist mit der Technik der Nanai noch vertraut?
Ja, er verfügt über die Grundkenntnisse der speziellen
traditionellen Lachslederherstellung und hat an den ersten
Entwicklungsstufen mitgearbeitet. Parallel dazu haben wir uns
weltweit informiert und Kontakte zu internationalen
Lederinstituten aufgenommen. Wir verschickten Lachshäute an
Gerbereien in Asien und Brasilien mit dem Auftrag, die Lachshaut
chromfrei und ohne Chemie zu gerben. Niemand hat das geschafft.
Außer uns.
Chrom wäre günstiger und billiger, richtig?
Ja, aber wir kommen so langsam in ein Zeitalter, in der es Pflicht
wird, ökologische und ethische Aspekte einer Produktion
mitzubedenken. Lederhandschuhe zum Beispiel haben engen Kontakt
mit der Haut. Und es gibt heute bereits viele Menschen mit einer
Metallallergie. Das wird sich in Zukunft noch verstärken, denke
ich. Wenn man ausschließlich mit Chrom gerbt, kann das zum Problem
werden. Viele Modefirmen reagieren bereits darauf: Green Fashion,
Eco Fashion, das ist in den letzten Jahren sehr wichtig geworden.
Da sind wir genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und wir
bieten ein Alternativprodukt zu Schlangenoder Krokodilleder, deren
Herstellung meistens gegen den Artenschutz
verstößt. Eine Handtasche aus Krokodilleder trägt man doch immer
mit einem schlechten Gewissen. Bei uns braucht man das nicht zu
haben. Kein einziger Fisch wurde allein der Haut wegen gezüchtet.
Waren Sie schon mal bei den Nanai in Sibirien?
Ich werde im April nächsten Jahres dorthin fahren. Die Nanai leben
am Fluss Armur. Der fließt auch durch China und ist durch
eingeleitete Industrieabfälle in einem sehr schlechten Zustand. Es
ist schlimm, was da passiert, denn der Fluss ist eigentlich der
Lebensmittelpunkt der Nanai. Wir unterstützen die Nanai finanziell
und widmen ihnen unser Leder.
Wenn das Verfahren so aufwändig und speziell ist, können Sie
auf Dauer überhaupt einer steigenden Nachfrage gerecht werden?
Die Laschinger-Gruppe ist der größte Lachsveredeler der Welt. Die
theoretisch verfügbare Menge ist also enorm. Wir können mit
unseren Kapazitäten derzeit zirka acht Quadratkilometer Lachsleder
pro Jahr herstellen. Verfügbare Haut hätten wir für 1500
Quadratkilometer. Bei fast allen anderen exotischen Lederarten,
wie zum Beispiel Rochen, ist die Menge sehr begrenzt. Es ist mir
sehr wichtig, dass wir den Kunden die optimale Liefersicherheit
verbunden mit einer konstanten Qualität gewähren können.
Produktionskapazitäten zu schaffen ist für uns kein Problem.
Was zeichnet Nanaileder aus?
Es ist sehr robust und reißfest. Für die offizielle
Lederzertifizierung mussten wir diverse Normen erfüllen. Diese
haben wir mit Bravur bestanden. So ist zum Beispiel für die
Möbelindustrie ein Abriebtest erforderlich, bei dem der Abrieb mit
einem Schleiftest von 20000 Scheuertouren simuliert wird. Bei der
Zertifizierungsstelle war man sehr beeindruckt, wie
strapazierfähig das Material ist, obwohl es nur einen knappen
Millimeter dick ist. Auch bei der Zugfestigkeit und der
UV-Licht-Beständigkeit haben wir sehr gute Werte erzielt.
Welche Produkte aus Lachsleder gibt es schon?
Das junge Berliner Modelabel „Mongrels in Common“ hat für seine
diesjährige Sommerkollektion bereits Nanaileder verwendet. Aber
auch weitere deutsche und französische Designer, darunter
international bekannte, haben bereits die ersten Musterteile aus
Nanaileder gefertigt. Der Schuhhersteller Ludwig Reiter plant im
nächsten Jahr Schuhe aus Nanaileder auf den Markt zu bringen,
ebenso Pollini, einer der bekanntesten italienischen Produzenten
hochwertiger Taschen und Schuhe. Wir haben mittlerweile Anfragen
aus der ganzen Welt. In den nächsten beiden Jahren wird man viel
von uns hören. So wie heute jeder Nappaleder kennt, soll in drei
Jahren jeder Nanaileder kennen. Es gibt die verschiedensten
Einsatzmöglichkeiten, nicht nur in der Mode: in der
Innenausstattung von Wohnungen und Geschäften, von Yachten und
Autos sowie bei Möbeln.
Man hat gehört, dass es auch eine Zusammenarbeit mit BMW geben
wird.
Ja, für den neuen BMW X6M. Das Fahrzeug wird noch in diesem
Jahr fertig gestellt sein, und die Zierleiste sowie diverse
Applikationen, die oft aus Kunststoff, Holz oder Klavierlack sind,
werden durch Nanaileder ersetzt. Durch das Einsetzen unseres
naturbelassenen Leders entsteht ein sehr lebendiges Design. Das
Fahrzeug wird im Januar weltweit vorgestellt. Dann kann sich jeder
seinen BMW bei der Individual-Abteilung mit Nanaileder ausstatten
lassen.
Inwiefern unterscheidet sich Nanaileder von den üblichen
Ledersorten wie zum Beispiel Rindsleder?
Vor allem in der Optik: Es gibt verschiedene Möglichkeiten,
Oberflächenoptik darzustellen und zu simulieren. Für mich ist es
wichtig, dass der Kunde wirklich auch das Material erhält, das er
sieht. Kaschierungen und Prägungen finde ich unnatürlich und
abgedroschen. Nanaileder ist von der Struktur sehr
abwechslungsreich. Jeder Fisch ist anders, jede Haut ein Unikat.
Das soll man sehen können, selbst dann noch, wenn man das Leder
färbt. Unsere mehrjährige Forschungsarbeit und die
hochentwickelten Technologien gewährleisten, dass die natürliche
Struktur der Haut und die Pigmentierung erhalten bleiben. Das ist
weltweit einzigartig. Wir bieten übrigens auch Nanai-Wildleder an.
Das ist weich, und wenn es gespannt ist, dann öffnet sich das
Schuppenkleid. Das ist sehr sinnlich – sowohl optisch als auch von
der Haptik.
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