
Alles hängt an einem seidenen Faden
Von der familiären Stoffweberei zu einem der weltweit
erfolgreichsten Luxuslabels – die Success Story von Sergio und
Pier Luigi Loro Piana
Und diesen wertvollen Faden webt niemand feiner als Loro Piana.
Als Anreiz für australische und neuseeländische Merinozüchter
riefen sie den „World Wool Record Challenge Cup“ für die feinste
Wolle ins Leben. In diesem Jahr ging die Trophy an die
australische Highlander Ultrafine Farm, die einen Record Bale mit
sagenhaften 11,5 Mikron lieferte. Aus dieser „Jahrgangswolle“ webt
Loro Piana die feinsten und luxuriösesten Anzugstoffe. Doch dies
ist nur einer der Superlative des Weltmarktführers für Kaschmir
und Vikunja. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts ist die Familie im
Stoffgeschäft tätig, seit 1998 produziert sie auch exklusive,
sportivelegante Damen- und Herrenkollektionen, die in mittlerweile
132 eigenen Boutiquen verkauft werden und die auf der ganzen Welt
als Synonym für Stil, höchste Qualität und zeitlosen, dezenten
Luxus gelten.
TEXT THOMAS KLOCKE
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FOTOS LORO PIANA
Die Familie Loro Piana
stammt ursprünglich aus Trivero. Sie starteten ihr Unternehmen als
Kaufleute, wechselten dann aber sehr bald in die Produktion. Die
erste Fabrik entstand in Quarona im Valsesiagebiet, einer
bewaldeten Gegend zu Füßen der Voralpen, mit einem reichlichen
Vorrat an Wasser, der unentbehrlich für die Behandlung von Wolle
ist. Seit damals hat sich das Familienunternehmen nie mehr
verlagert. Den Grundstein für den Erfolg legten Giacomo, Pietro
und Franco Loro Piana, der das Familienunternehmen bis 1977
geleitet hat. Seine Söhne Sergio und Pier Luigi, die seitdem das
Steuer in der Hand halten, haben es geschafft, aus der
renommierten Tuchweberei eines der erfolgreichsten und
wertvollsten Luxus- und Lifestyle-Labels der Welt zu machen. Die
Basis dafür liefern Ziegen, die vornehmlich in Tibet und in der
Mongolei beheimatet sind: das einzigartige Kaschmir.
Loro Piana ist
Kaschmir
Kaschmir ist reines Vergnügen. So leicht, so weich, so warm – es
hat die Welt erobert und ist ein Symbol für zeitlose Mode und
Prestige. Aber wie kommt es, dass es diese extrem leichte Wolle
schafft, die Menschen so warm zu halten? Die Natur hat die
Kaschmirziegen mit einer Doppelschicht als Schutz gegen die Kälte
in ihrem Lebensraum ausgestattet. Sie besitzt nicht nur ein Vlies,
sondern auch ein Untervlies, welches die entscheidende Komponente
von allen Kaschmirgarnen und -stoffen ist. Diese Unterwolle
besteht aus unzähligen Fasern, die kleine Hohlräume bilden, die
den Wärmeverlust auf ein Minimum reduzieren. Generell ist die
Ziege weiß, es gibt aber auch graue und braune, die in Mittelasien
leben. Die Unterwolle, der „Tiflit“ oder auch „Flaum“ genannt,
besteht aus sehr weichen, seidigen Haaren. Die Faser hat generell
einen Durchmesser von 12 bis 15 Mikron, die Länge beträgt ca. 20
bis 40 mm. Das wertvollste Kaschmir kommt aus der Mongolei, einer
Region, die zur Volksrepublik China gehört. Eine Ziege produziert
nur wenige Gramm Flaum pro Jahr, durchschnittlich sind es gerade
einhundertfünfzig bis zweihundert. Diese Angabe macht deutlich,
wie wertvoll Kaschmir ist. Andererseits gibt es ca. 70 Millionen
Kaschmir-Ziegen in China, von denen geschätzte 16 Millionen
Kaschmir produzieren.
Besonders wertvoll ist das Baby-Kaschmir vom Hycrus-Zicklein, die
Faser hat 13 bis 13,5 Mikron. Sie wird durch behutsames Auskämmen
der Unterwolle der Babyziegen zwischen ihrem dritten und zwölften
Lebensmonat gewonnen. Beim Auskämmen gewinnt man ca. 80 Gramm
feinsten Flaum, davon bleiben nach dem Waschen ca. 30 bis 40 Gramm
zur Verwertung übrig. Für einen Pullover benötigt man alleine das
Vlies von 19 bis 20 Baby-Hycrusziegen, da kann man auch die Preise
besser einordnen. An Exklusivität der Kaschmir-Wolle wird die
Ziege lediglich von den Vikunjas getoppt, die eigentlich zur
Familie der Kamele gehören. Sie sind in den Hochanden Ecuadors,
Perus, Boliviens, Argentiniens und Chiles heimisch, wo sie in
Höhen zwischen 3.500 und 5.500 Metern leben und bis vor wenigen
Jahren vom Aussterben bedroht waren.
Loro Piana war
direkt an der Wiedereinführung dieser wertvollen Faser beteiligt,
nachdem ein entsprechendes Abkommen mit der peruanischen Regierung
im Jahre 1994 unterzeichnet werden konnte. Nachdem der Bestand bis
auf 5000 Tiere geschrumpft war und das Vikunja 1976 im
Washingtoner Artenschutzabkommen zur bedrohten Art erklärt worden
war, sind mit Hilfe von Loro Piana große Anstrengungen unternommen
worden, um die Population wieder wachsen zu lassen. So haben die
Brüder Loro Piana unter anderem zweitausend Hektar Grund in Peru
erworben, um hier ein privates Schutzgebiet einzurichten, das sie
nach ihrem Vater Franco
Loro
Piana benannt haben. Dank dieser Bemühungen gibt es heute wieder
mehr als 180.000 wildlebende Vikunjas, 150.000 davon allein in
Peru. Die Vikunja-Fasern sind einzigartig. Sie haben einen
Durchmesser von gerade einmal 12 bis 13 Mikron, das sind zwölf-
bis dreizehntausendstel Millimeter.
Die
Temperaturregulierungseigenschaften sind phänomenal. So können die
Tiere im Winter mit der eisigen Kälte und im Sommer mit der
sengenden Hitze des Andenhochlandes überleben. Ein Vikunja
produziert in zwei Jahren maximal 250 Gramm Wolle, von denen nach
Sortierung und Auslese gerade einmal 120 Gramm für die
Verarbeitung übrig bleiben. Die Vikunja-Wolle, die von Loro Piana
verarbeitet wird, trägt das Label „legally shared“, es kann genau
nachverfolgt werden, woher jeder Wollballen herkommt und stellt so
sicher, dass die strengen Artenschutzbestimmungen strikt
eingehalten werden. Aufgrund der Rarität dieses Materials kann ein
Mantel aus Vikunja auf einen stolzen Preis von ca. 150.00 Euro
kommen.
Vom Textilproduzenten zum Luxuslabel
Das Business des Piemonteser Unternehmens prosperierte in den 90er
Jahren sehr erfolgreich, man war damals schon der größte
Kaschmir-Produzent, bedeutendste Händler für die exquisiten Stoffe
und ebenfalls größter Anbieter feinster Merino-Wolle weltweit. Der
Name Loro Piana hingegen war nicht so bekannt, denn man fand ihn
höchstens auf den kleinen Etiketten der größten Designer. Da kamen
die beiden umtriebigen Brüder auf die Idee, eigene Kollektionen
auf den Markt zu bringen. Diese durften natürlich nicht in der
klassischen Herren- oder Damenoberbekleidung angesiedelt sein,
sonst wäre man schließlich in Konkurrenz zu seinen bisherigen
Kunden getreten. Also besann man sich auf den sportiven Bereich,
und als „Marktforscher“ hätte man niemanden Besseres finden
können, als sich selbst, denn die beiden Brüder verkörpern
gehobenen Lifestyle pur und wissen so selbst aus eigener
Erfahrung, welche funktionellen und modischen Eigenschaften
exklusive Freizeitkleidung haben sollte: Sergio als passionierter
Reiter, beide als leidenschaftliche Segler und Skiläufer. Anfang
der 90er Jahre wurde zum Beispiel der Dress für die italienische
Nationalmannschaft der Reiter für die Olympiade in Barcelona
entwickelt, aus der später das Outerwear Horsey Jacket wurde.
Wichtig hierbei, dass der Reiter über eine größtmögliche
Bewegungsfreiheit verfügt, das Material aber bei Reibungen keine
Geräusche verursacht, um die Pferde nicht zu verschrecken. Mit der
„Barrage“-Jacke wurde einige Jahre später dann die italienische
Equipe auch für die Olympischen Spiele in Athen eingekleidet. Die
„Icer Skiing Jacke“ hatte ihren Ursprung als Dress des Rossignol
Racing Teams im Jahre 2000 bei dem Ski Weltcup in Bormio, und als
die Veranstalter des Concours d’Elegance in der Villa d’Este am
Comer See, die hochkarätigste Oldtimer-Veranstaltung Europas, zum
75-jährigen Jubiläum ein Produkt für die bedeutendsten Sammler
suchte, kontaktierte man natürlich die Loro Pianas: so entstand
die chice „Roadster“-Jacke.
Heute stattet Loro Piana weiterhin auch Yachten und Private Jets
individuell und maßgeschneidert aus, eine eigene Division nimmt
sich außergewöhnlicher Home Interiors im „Loro Piana Style“ an.
Hierfür stehen mittlerweile Einrichtungsstoffe in über 390
Variationen zur Verfügung. Doch damit nicht genug: In geringen
Mengen (50 Meter) können sogar persönliche Nuancen kreiert werden.
Das farblich abgestimmte Dekorationsthema setzt sich in Überwürfen
und Sofadecken in jeder beliebigen Größe fort. Zur Wahl stehen
Kaschmir in 28 Farben und Wildleder in 27 Farben oder – als
ultimativer Luxus – Chinchilla (in 6 Farben), Zobel oder Luchs.
Und natürlich gibt es mittlerweile auch eine Vielzahl von
hochwertigen Accessoires in der Kollektion von Loro Piana, ob das
die geschmeidigen Kalbsleder-Overknees aus der aktuellen
Winterkollektion sind, die in einer großen Farbpalette
erhältlichen Velours-Bootsschuhe oder die Taschen, die Brisbane
Bag, Bellevue oder der Klassiker unter den Loro-Piana-Taschen, die
Globe Bag, die es in den vier Lederausführungen Strauß, Krokodil,
Fjord und Mojau-Kalb in 30 Farben gibt. Bei Vikunja und
Baby-Kaschmir begeistern aktuell die zwölf Bomberjacken, Mäntel
und Capes, hergestellt aus den feinsten und seltensten Materialien
aus Peru und der Mongolei, die in fünf Farben erhältlich sind und
zusätzlich durch Pelz betont werden können. Um seinen Kunden einen
außergewöhnlichen Service zu bieten, hat Loro Piana jetzt sein
Konzept des „personalisierten Luxus“ vorgestellt: So werden
Anzüge, edle Oberbekleidung und Strickwaren und sogar Schuhe und
Taschen in den größten Loro Piana Stores innerhalb von ein bis
drei Monaten individuell gefertigt – je nach Warteliste.
Eingespieltes
Duo aus Kreativität und Strategie
Pier Luigi, von seinen Freunden nur „Pigi“ genannt, ist ein
Bonvivant und Genussmensch. Er ist für den Einkauf der
Rohmaterialien und die Verhandlungen mit den Lieferanten in China,
der Mongolei und Australien verantwortlich. Er ist
leidenschaftlicher Regattasegler; auf seiner 24-Meter-Ketch „My
Song“ ist er häufig am Steuer zu finden, wenn die Mega-Segler auf
dem Wasser ihre Kräfte messen. Viele Events davon unterstützt Loro
Piana als Sponsor, wie die „Tre Golfi“ vor Capri oder jüngst die
„Loro Piana Superyacht Regatta“ in Porto Cervo an der Costa
Smeralda Sardiniens. Es störte „Pigi“ immer, dass er beim Segeln
keinen bequemen Blouson tragen konnte, sondern immer nur
Bekleidung aus steifem Nylon. Das ließ ihm keine Ruhe und so
entwickelte er gemeinsam mit seinem Kreativteam – laut Sergio sein
„Meisterstück“ –, das patentierte „Twenty K Storm System“, ein
wasser- und winddichtes Membran aus dreilagigem Laminat, das
atmungsaktiv ist, über wasserdicht getapte Nähte verfügt und
natürlich mit Kaschmir gefüttert ist. Auch das wasserabweisende
Kaschmir geht auf seine Initiative zurück. Sergio hingegen ist der
Workaholic, der Chefstratege des Unternehmens, der seine Ziele mit
Akribie und großer Willenskraft verfolgt. Nicht zuletzt seiner
Dynamik ist es zu verdanken, dass gerade die Eröffnung des 132.
Loro Piana Geschäftes gefeiert werden konnte, seit Gründung der „Luxury
Goods Division“ in 1998 – eine einzigartige Success Story.
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