 Lunch mit dem
obersten Bentley - Boy
Exklusiv-Interview mit Dr. Franz-Josef Paefgen, Chairman und CEO
von Bentley Motors
In Zeiten einer der größten Absatzkrisen für Luxusautomobile, in
denen die Diskussionen über hohe Verbrauchswerte und den
CO2-Ausstoß auf der Tagesordnung stehen, präsentiert die englische
Sportwagenschmiede den stärksten und schnellsten Bentley, der
jemals gebaut wurde. Das Außergewöhnliche an diesem Fahrzeug ist
jedoch, dass es mit „Flexi-Fuel“, also wahlweise mit Bioethanol
oder normalem Benzin, fährt und damit der erste „grüne“
Supersportwagen der Welt ist. Um mehr über Bentley und diese
richtungweisende Umweltstrategie zu erfahren, trafen wir uns mit
Bentley-Chef Dr. Franz-Josef Paefgen zum Exklusiv-Interview in
Crewe.
TEXT: THOMAS KLOCKE
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FOTOS: KLAUS LORKE / BENTLEY
MOTORS
Bevor wir über den neuen Bentley Supersports sprechen, können wir
vielleicht einen kleinen Rückblick auf die Revitalisierung der
Marke Bentley durch die Übernahme des VW-Konzerns im Jahre 1998
werfen, dessen Höhepunkt sicherlich das Jahr 2007 mit einem
Verkaufsrekord von mehr als 10.000 Fahrzeugen war. Worin sehen Sie
das Geheimnis Ihres Erfolges?
Ein wesentlicher Bestandteil der Revitalisierung der Marke Bentley
war die Rückbesinnung auf unseren Markenkern, namentlich auf die
„Bentley Boys“. Ähnlich wie diese legendären Rennfahrer, alles
Gentleman und anerkannte Persönlichkeiten ihrer Zeit, erleben
heute unsere Kunden der Continental-Baureihe persönlich das
Gefühl, als „Selbstfahrer“ am Steuer eines technisch sehr
überlegenen Automobils zu sitzen.
Wir haben eben nicht minder das Gefühl genossen, im Fond eines
Arnage zu sitzen und chauffiert zu werden. Dabei erzählte uns
unser Chauffeur, wie stolz er sei, für Bentley zu arbeiten und
dass auch zahlreiche Familienangehörige im Werk in Crewe tätig
seien. In Ihrer sämtlichen Kommunikation unterstreichen Sie, dass
es sich bei Bentley nach wie vor um eine authentische britische
Motor Company handelt. Sie gehen dabei so weit, dass Sie die
britische Authentizität nicht nur in der Historie betonen, sondern
ebenfalls im Blut haben. Wie wichtig war dieser Aspekt in der
Entwicklung des Unternehmens seit der Übernahme?
Das war enorm wichtig für uns, da unsere Marke im Wesentlichen aus
zwei Dingen besteht: zum einen aus dem, was sie heute darstellt,
und zum anderen, was sie in der Historie über die Jahre an
Markenattributen angesammelt hat, an dem Mythos und allen
Gedanken, die man mit dieser Marke verknüpft. Ein wesentlicher
Teil der Vergangenheit ist dabei „Britishness“ mit Assoziationen
wie „dunkelgrün“, „Le Mans“, „Rennerfolge“, aber auch „Eleganz“
und die meisterhafte Verarbeitung von Materialien wie zum Beispiel
Leder und Holz. Das ist auch das, was Ihnen die Leute antworten,
wenn man sie nach der Marke Bentley fragt. Wenn Sie das
„Britische“ wegnehmen, ist die Marke nicht mehr da. Wir tun alles,
um diese Authentizität zu bewahren, wir waren und wir sind eine
durch und durch englische Company. Wir haben an Einflüssen aus
Deutschland relativ wenig. Auf einem anderen Blatt steht, wie
viele Vorteile wir dadurch genießen, dass wir Teil einer großen
deutschen Automobilgruppe sind. Im Alltagsgeschäft leben und
handeln wir wie eine englische Company, tun das, was wir für
richtig halten und wenn wir in dem einen oder anderen Punkt Hilfe
brauchen, gehen wir uns die irgendwo im Konzern holen – nicht
umgekehrt, wir bekommen keine Glücksinjektionen „zwangsverordnet“.
Das ist unser Erfolgsprinzip, das wir mit Wolfsburg eine Beziehung
haben, die uns vieles ermöglicht, aber nichts aufdrängt. Das macht
auch die Akzeptanz der Deutschen hier in der Firma sehr gut, weil
die deutschen Mitarbeiter hier Gott sei dank nicht als
„Zwangsbeglücker“ auftreten, sondern einfach als Hilfe, wenn man
will, nicht weil man muss. Natürlich mache ich keinen Hehl daraus,
dass die jüngste Erfolgsgeschichte von Bentley ohne die Hilfe aus
Wolfsburg nicht möglich gewesen wäre.
Wo liegen die größten Vorteile in der Zusammenarbeit mit dem
VW-Konzern?
Die Hauptfelder, wo eine starke Muttergesellschaft wirklich
hilfreich ist, das ist erstens dieser enorme Technikbaukasten, wo
wir in jeden Winkel der neuesten und innovativsten Technologien
schauen können, darauf Zugriff haben und letztendlich auch nutzen
können. Zweitens ist natürlich auch die enorme Einkaufsmacht ein
Thema, wir allein mit unseren kleinen Stückzahlen hätten da weit
größere Probleme. Aber wenn Sie zu den besten und größten
Zulieferern gehen, die uns allein wahrscheinlich gar nicht
angucken, und wir unsere Teile auf dem Rücken von zwei Millionen
Golfteilen verhandeln können, dann sieht das Ganze schon deutlich
anders aus. Das Dritte sind die Facilities, also Riesentestgelände
in fast allen Teilen der Welt. Ob wir unsere Fahrzeuge in extremer
Hitze oder Kälte oder auf Prüfständen nach dem neuesten Stand der
Technik testen wollen, mit den innovativsten Messmethoden – auf
all das haben wir jederzeit Zugriff, egal, ob in Wolfsburg,
Ingolstadt oder Südafrika. Diese drei Fälle, Technologiezugriff,
Einkaufspower und Facilities, sind das, was in Zukunft jede
erfolgreiche Marke zwingend braucht, ohne das hat man praktisch
keine Chance.
Ein Meilenstein war die geniale Markteinführung des Continental
GT. Welche Käuferschicht hatten Sie bei seiner Entwicklung im
Visier?
Wie eingangs erwähnt, haben wir uns auf den Markenkern besonnen.
Das Racing-Feeling unter dem Motto The Bentley Boys are back war
die Grundlage zur Entwicklung eines Sportcoupés mit überragenden
Fahreigenschaften, gepaart mit größtmöglichem Komfort und
luxuriösen Interieurs. Liebhaber von Automobilen, die manchmal
gerne einmal etwas zügiger unterwegs sind, manchmal aber das
komfortable Cruisen bevorzugen, in Verbindung mit der großen
Legende der Marke Bentley – das war und ist unsere Zielgruppe.
Welches sind die Alleinstellungsmerkmale des Continental?
Das Alleinstellungsmerkmal des Continental GT leitet sich aus der
Geschichte ab, wobei wir ja eine zweigeteilte Historie erlebt
haben, wenn man so will. Wir haben die reine WO-Bentley-Geschichte
bis 1930, wo eindeutig die Hauptcharakteristik der Marke große,
schwere Autos mit einem starken Hang zur Sportlichkeit waren.
Diese waren auf der reinen Engineering-Seite zu Hause, hier zählte
Leistung pur und nicht etwa Attribute wie Komfort und Luxus. Die
Leute, die damals einen 6½-Liter gefahren sind, waren nicht
unbedingt die mit lackierten Fingernägeln und feinen Manieren,
sondern Autofahrer, die richtig zupacken konnten und die richtig
Power im Blut hatten. Danach hat die Rolls-Royce-Zeit begonnen,
bis dann 1998 die Übernahme durch den Volkswagen-Konzern erfolgte.
Wir können nicht bestreiten, dass unter der Rolls-Royce-Ägide die
Marke viel an Eleganz und in Richtung hochwertiger Materialien
weiterentwickelt wurde.

Der R-Type Continental galt als Designvorlage des vielfach
preisgekrönten Bentley Continental GT.
Zum Beispiel der R-Type Continental oder der Mulsanne Turbo: Beide
Modelle fallen in diese Ära und haben Bentley sehr geprägt. Wenn
ich also heute die Summe analysiere, dann muss man schon sagen,
dieses etwas Brutale, Engineering-Getriebene im Zusammenhang mit
der Mischung aus Luxus und Komfort der Rolls-Royce-Zeit machen
heute die Marke aus. Diese Kombination aus viel Sportlichkeit,
viel Drehmoment, sehr hoher Spitzengeschwindigkeit, gepaart mit
großer Eleganz und der fantastischen Verarbeitung exklusivster
Materialien machen deutlich, was unsere Alleinstellung ist. Es
gibt viele Autos, die sind genauso sportlich wie wir, die bieten
aber nicht den Luxus, und es gibt viele Marken, die sind ebenso
luxuriös, bieten aber nicht die Sportlichkeit. Was den Kunden
reizt, gerade beim Continental, ist diese Kombination aus
Hochleistungssportwagen mit absolut relaxtem, komfortablen Fahren,
das hat niemand sonst. Sie können auf der Autobahn dahingleiten
und entspannt Radio hören, oder, wenn Sie andererseits Lust haben,
dann ärgern Sie jeden Ferrari. Durch unseren enormen
Technologiezugriff kann man sicherlich behaupten, dass der
Continental eines der modernsten Autos ist, das sich auf dem Markt
befindet.
Wie groß ist der Anteil der Continental-Baureihe an der
Gesamtproduktion?
Der Anteil des Continental beträgt mehr als 80 Prozent der
Gesamtproduktion. Die gesamte Wiedergeburt der Company ist
Volkswagen durch den Continental gelungen, wenngleich wir auch
keinen Hehl daraus machen, dass von der Bedeutung für die Marke
der Arnage sicher mehr als 20 Prozent Anteil hat. Beide
Modellreihen sind wichtig, um der Marke ihre Positionierung zu
erhalten, darum haben wir uns auch entschlossen, die
Arnage-Baureihe weiterzubauen und weiterzuentwickeln. Als ich den
Posten hier in Crewe übernahm, war das nicht klar, aber jetzt
steht das eindeutig fest.
Kommen wir zu einem anderen Thema. Der Mythos „Bentley“ basiert
ja zum Großteil auf seinen leistungsstarken Motoren. Ihr
Engagement in Le Mans und die hier erreichten Erfolge
unterstreichen die Attribute der Marke wie „Speed“, „Power“ und
„Racing“. Auf dem Genfer Autosalon überraschten Sie die Fachwelt
mit der Präsentation des Bentley Continental Supersports, des
stärksten und extremsten Bentleys, der je gebaut wurde – und der
mit Biokraftstoffen fährt. Wie sieht Bentley’s Strategie zum
Umweltschutz und zur Wirtschaftlichkeit der Motoren aus?
Mit dem Launch des „Bentley Continental Supersports“, dem
schnellsten und stärksten Bentley, den es jemals gab, ist uns
sicherlich ein Coup gelungen. Außer seiner Leistung von 630 PS und
einer Höchstgeschwindigkeit von 329 km/h ist das Faszinierende an
diesem Fahrzeug, dass es als erster Supersportwagen der
Welt mit „Flexi-Fuel“ fährt, also mit normalem Benzin, oder
alternativ mit Bioethanol. Wir erreichen dabei eine Reduzierung
des CO2-Ausstoßes in Höhe von 70 %. Bis zum Jahr 2012 werden alle
Modelle von Bentley in der Lage sein, weniger als 120 g/km CO2
auszustoßen (Basis: Wheel-to-Wheel-Berechnung). Dies ist ein
wichtiger Schritt in der Geschichte von Bentley, der die
wachsenden Erwartungen unserer Kunden auf der ganzen Welt in Bezug
auf leistungsstarke Fahrzeuge mit effizienten Motoren
widerspiegelt. In unserem Segment setzen wir damit einen
Meilenstein, indem wir es ermöglichen, dass sich jeder unserer
Motoren mit erneuerbaren Kraftstoffen betreiben lässt. Dies
unterstreicht einmal mehr die Innovationskraft unserer
Engineering-Abteilung.
Was sind die Vorteile von Biokraftstoffen der 2. Generation?
Auf Basis des Wheel-to-wheel-Ansatzes ermöglichen sie eine
konstant hohe Nettoreduzierung der CO2-Emissionen um bis zu 90
Prozent. Sie stellen keine Konkurrenz zu Nahrungsmitteln als
Rohstoffbasis dar, da nur Biomasseabfälle zur Kraftstoffgewinnung
eingesetzt werden.
Gibt es weitere Maßnahmen zur Optimierung der
Wirtschaftlichkeit der Motoren?
Außer einer Gewichtsreduzierung der Fahrzeuge arbeiten wir an
einem neuen Antriebsstrang, der ebenfalls bis 2012 fertiggestellt
sein wird. Unter Beibehaltung des gegenwärtigen Leistungsniveaus
wird er eine Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs um 40 Prozent
ermöglichen.
Mit den jetzt fünf Continental-Modellen, dem Brookslands, dem
Arnage und dem Azure verfügen Sie über eine Modellpalette von acht
unterschiedlichen Fahrzeugen. Gerade bei dem Arnage, der seit 1998
gebaut wird, könnte ich mir vorstellen, dass der Markt auf ein
neues Fahrzeug wartet. Wie sieht Ihre weitere Modellpolitik aus,
worauf dürfen sich die Liebhaber der Marke Bentley in den nächsten
Jahren freuen?
Wir haben ja auf dem Autosalon in Paris einen Arnage vorgestellt,
der „Arnage Final Series“ heißt. Dies kann ja zweierlei bedeuten,
entweder es ist aus und vorbei oder es gibt demnächst etwas Neues.
Da wir uns weiter mit dem Arnage beschäftigen, ist die Antwort
klar, dass da etwas Neues kommen wird. Ende dieses Jahres erfolgt
die Vorstellung des Nachfolgemodells.
Sie veranstalten sehr attraktive Events für Ihre Kunden, wie
die Italian Grand Tour, Power & Passion in England oder das
legendäre Power on Ice in Finnland. Was fasziniert Ihre Klientel
an diesen besonderen Events?
Ich fahre immer zu meinen eigenen Test-Events, da weiß ich schon,
was mich fasziniert. Unsere Kunden schätzen besonders, dass sie
hautnah erleben, was ein Bentley alles kann, da rechnet ja keiner
mit, besonders wenn es in die Grenzbereiche geht. Wenn Sie in
Finnland erleben, mit welcher Leichtigkeit und Souveränität der
moderne Allradantrieb des Bentley auch kilometerlange Eisflächen
bezwingt, das ist schon bewundernswert. Auch eine „Hot Lap“ in
Hockenheim als Beifahrer von Derrick Ball, dem fünfmaligen
Le-Mans-Sieger, ist schon ein Erlebnis der eher unvergesslichen
Art. Unsere Events sind Erlebnisse, die man sich normal nicht
kaufen kann, als weiteren Aspekt dienen sie natürlich dazu, sein
eigenes Fahrzeug, zum Beispiel bei Glätte, besser zu beherrschen.
Übrigens hält der vierfache finnische Rallyeweltmeister Juha
Kankkunen den Geschwindigkeitsweltrekord auf Eis mit einem Bentley
Continental GT: Auf einer Strecke von zwölf Kilometer betrug die
Durchschnittsgeschwindigkeit 321 km/h, die Höchstgeschwindigkeit
sogar 331 km/h.
Ich habe gelesen, dass Sie ein begeisterter Liebhaber von
Oldtimern sind. Verraten Sie uns Ihre persönlichen Favoriten?
Ich bin sehr gerne und natürlich sehr oft in England und ich habe
ein kleines Ferienhäuschen in Italien. Natürlich habe ich
historische Bentley, aber ich habe auch einen alten Lamborghini.
Ich habe momentan noch keinen deutschen Oldtimer, weil das immer
zu Konfliktsituationen führt, aber irgendwann wird auch ein
deutsches Modell in meiner Sammlung landen. Persönliche Favoriten
in dem Zusammenhang ist eine Frage, die ich nicht so gerne
beantworte, denn ich habe einfach eine Liebe zu Autos. Jedes
meiner Fahrzeuge hat seinen eigenen Charme und zu jedem könnte ich
eine Geschichte erzählen, nur das würde hier sicherlich zu weit
führen. Vielleicht so viel: Mein günstigstes Auto ist ein Morris
1000, den ich an der Theke einmal einem Händler abgekauft habe,
ein originales Auto, nur 40000 Meilen gelaufen, mit typisch
hellgrüner Farbe und mit cremefarbenen Rädern, das Auto hat
einfach Charakter.
Das Interview führten Thomas und Martina Klocke, Herausgeber und
Verleger von HIGH LIFE, Internationaler Lifestyle für Männer. Das vollständige
Portrait lesen Sie in der HIGH LIFE Ausgabe Heft 20, erhältlich in unserem
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