
Il Borro
Ein
toskanisches Revival
Ferruccio Ferragamo ist Schöpfer einer weltweit klingenden
Modemarke, und er liebt die Toskana. Zu erleben auf Il Borro, dem
Landgut, das ihm eine zauberhafte Wiedergeburt verdankt.
TEXT: GÜNTER NED
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FOTOS: IL BORRO
„Il Borro ist ein kleines Dorf in der Toskana. Es wurde vor
hunderten von Jahren mit Geduld und Aufopferung gebaut, jedes
architektonische Detail akribisch geplant. Wer heute das Glück
hat, Il Borro zu besuchen und sich dem Erlebnis wirklich hingibt,
der hat den Eindruck: Hier ist eine Malerei aus der Renaissance
lebendig geworden.“ Es ist Salvatore Ferragamo, der so
zuneigungsvoll von diesem traumhaften toskanischen Projekt
spricht. Wohlgemerkt, es handelt es sich nicht um jenen Salvatore,
der 1914 in die Staaten auswanderte, dort als Schuhmacher der
Stars berühmt wurde, danach mit seinen Visionen, seinem genialen
Design in die italienische Heimat zurückkehrte und mit dem Glück
gesegnet war, einen nicht weniger genialen Sohn Ferruccio zu
haben.
Letzterer machte den Namen Ferragamo zur weltweit legendären Mode-
und Lifestyle-Marke. Der Salvatore Ferragamo, der heute das
Projekt Il Borro managt, ist der Enkel des erfolgreichen
Auswanderers, und dass es das Projekt überhaupt gibt, hat die
Toskana seinem Vater zu danken.
Als sich Ferruccio Ferragamo bei einem Jagdausflug in Il Borro
verliebte, in das Dorf, in die große Villa, in die herrliche
Landschaft, schrieb man das Jahr 1985. Nachdem er das Landgut dann
jahrelang gemietet hatte, bot sich 1993 die Gelegenheit, Il Borro
von seinem damaligen Besitzer, dem Herzog Amedeo D‘Aosta zu
kaufen. Was die Familie Ferragamo nun ihr eigen nannte, war von
den Zeiten gezeichnet.
Das Dorf glich einer Ruine, eine Bombe im letzten Krieg hatte
Teile der Villa zerstört, und doch strahlte der Ort eine Magie
aus, der man sich nicht entziehen mochte – kein Wunder, hält man
sich vor Augen, wieviel Geschichte in diesen Steinen, in diesem
Land gebannt sind. Große Familien besaßen Il Borro, die Pazzi, die
Savoias, die Medici-Tornaquinci. Die Kämpfe zwischen Florenz und
Arezzo fanden hier oft ihren Schauplatz. Il Borro brachte berühmte
Kriegsherren hervor, aber auch Männer, die die begnadete
Fruchtbarkeit des Landguts unweit des Arno immer wieder zum Blühen
gebracht hatten, den Olivenanbau, die Viehwirtschaft und natürlich
den Wein.
Ferruccio Ferragamo sah und spürte, was da in pittoresker
Schönheit, eingebettet in die hinreissende toskanische Natur,
darniederlag, und er ging daran, den Bildern, die ihm auf Il Borro
vorschwebten und die sich aus vergangenen Zeiten nährten, reales
Leben zu geben, in seiner eigenen Zeit.
Und so finden Gäste Il Borro, in Valdarno am Fuß der
Pratomagno-Berge gelegen, in einer faszinierenden Wiedergeburt
begriffen. Das alte Dorf steht malerisch, wie es einst war, eine
romantische Steinbrücke führt hin, über dem engen Tal des
Lorenaccio. Eine Osteria hat aufgemacht, dort speist man die
Leckereien der Region, Läden mit Kunsthandwerk sind entstanden,
die Villa erstrahlt in ihrer ursprünglichen Schönheit, die
italienischen Gärten sind wieder da. Bauernhäuser und andere
Gutsgebäude wurden und werden restauriert – alles Wohnungen für
Besucher, sie genießen einen Agrotourismus der ganz besonderen
Art.
Auf den Weiden gedeihen Chianina-Rinder, ihr Fleisch ist ideal
fürs Bistecca Fiorentina. Jäger freuen sich über Wälder voller
Wild. Man presst feinstes Olivenöl extra vergine und, wie könnte
es in der Toskana anders sein: Ferruccio Ferragamo hat auf Il
Borro den Weinbau wieder aufgenommen, zusammen mit Sohn Salvatore
und dem Önologen Niccolò d‘Afflitto – die Ergebnisse sind
vorzüglich.
Wein kultivierten auf dem Landgut bereits die Etrusker. Er wurde
seit dem 18. Jahrhundert dank der Familie Medici-Tornaquinci
besonders gefördert, und die gegenwärtige Renaissance folgt der
Philosophie des gesamten Projekts: Was Steine und Land bergen,
soll die neue Zeit wieder zum Florieren bringen. Entsprechend
einfühlsam ging man bei der Rebpflanzung vor. Niccolò d‘Afflitto:
„Wir nutzten jede mögliche Kenntnis und Erfahrung aus dem Weinbau
und der Landwirtschaft. Wir wollten feine Weine machen, und sie
sollten Il Borros Lagen reflektieren. Wir haben die Erde
analysiert, wir haben alle bodenkundlichen und klimatischen
Merkmale der Parzellen studiert, erst dann trafen wir die
Entscheidung über die Rebsorten.“
Auf Politi, in 350 Meter Höhe, wächst nun die toskanische Traube
schlechthin, Sangiovese (in drei unterschiedlichen Klonen); am
Valdarno-See, von einem Bewässerungssystem unterstützt, Cabernet
Sauvignon; und auf dem steinigen Plateau von Laterina Syrah.
Resultat: zwei vorzügliche Cuvees und eine ausgezeichnete
reinsortige Kreszenz – Weine von dicht gepflanzten Rebstöcken, aus
reduzierten Eträgen, handverlesenen Trauben und gereift in
französischem Barrique: El Borro, eine Cuvee aus Merlot, Cabernet
Sauvignon, Syrah und Petit Verdot; Polissena, reinsortig
Sangiovese; und Pian di Nova, eine Cuvee aus Sangiovese und Syrah.
Will ein Winzer derart exzellente Weine machen, braucht er
Geduld, Vertrauen in die Dauer. Das scheint Symbol zu sein für
dieses ganze toskanische Unternehmen. Ferruccio Ferragamo: „Il
Borro ist ein Akt des Glaubens, des Glaubens an die Zeit.“
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