
Liebe zum Motorsport, Wille zum Siegen
BMW
Rennsportchef Mario Theissen im Interview
Für das BMW Sauber F1 Team läuft die Formel-1-Saison 2007
fabelhaft. Wir sprachen mit BMW Motorsport Direktor Mario Theissen
über das Geheimnis seines Erfolgs.
INTERVIEW: GÜNTER NED
| FOTOS: AUDI BEIL /BMW AG
Herr Dr.
Theissen, BMW Sauber ist bereits in seinem zweiten Aufbaujahr
dritte Kraft hinter McLaren und Ferrari, drei Fahrer sind gut für
die Punkteränge, das Podest hat man immer wieder in Reichweite -
ein brillanter Erfolg: Glück oder hausgemacht?
Unsere Erfolgskurve verläuft in der Tat steil nach oben. Der Weg
des neuen Teams führte von Platz 8 über Platz 5 auf Platz 3 in
sehr kurzer Zeit. Mit Glück hat das nicht viel zu tun, wir haben
uns diese guten Ergebnisse mit viel Einsatz erarbeitet. Unser
Aufbauprogramm ist ehrgeizig: Wir haben die Standorte München und
Hinwil eng vernetzt und 150 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt.
Der Windkanal läuft mittlerweile durchgehend im
Drei-Schicht-Betrieb, der Ausbau von Büros, Labors und Werkstätten
wird Ende 2007 abgeschlossen sein. Dann werden wir unsere volle
Schlagkraft erreicht haben. Eindeutige Antwort also: Der Erfolg
ist hausgemacht.
Zur Kombination Ihrer Fahrer: Welche Strategie steckt dahinter?
Setzt man auf Rivalität oder Mannschaftsdenken? Wer ist die Nummer
Eins?
Teamgeist ist eine Grundvoraussetzung für alle Mitarbeiter, auch
für die Fahrer. Man kann sich ein Formel-1-Projekt vorstellen wie
ein kompliziertes Getriebe mit vielen Zahnrädern, die alle optimal
ineinander greifen müssen. Sonst gibt es Reibungsverluste oder es
kracht im Getriebe. Dem steht eine gesunde Rivalität auf der
Rennstrecke aber nicht im Wege. Unter "gesund" verstehe ich, dass
sich nicht beide Fahrer gegenseitig behindern oder von der Strecke
befördern. Von Teamseite werden die Fahrer gleich behandelt, auch
das gehört zur Chancenoptimierung.
Wie pickt BMW seine Talente, wie fördert man sie?
Was den Nachwuchs angeht, haben wir natürlich durch unsere vier
weltweiten Formel BMW Rennserien sehr gute Möglichkeiten für
Nahaufnahmen. In diesen Serien fahren Talente aus dem Kartsport,
die teilweise erst 15 Jahre alt sind. Wir bilden sie nicht nur im
Fahren, sondern auch in anderen Belangen aus, die eine
Profikarriere von ihnen verlangen würde. Dazu gehören Fitness und
Ernährung, Technik, Öffentlichkeitsarbeit, der Umgang mit
Sponsoren und anderes mehr. Ab dem kommenden Jahr wird die Formel
BMW vornehmlich im Rahmen der Formel 1 starten. Dann werden sicher
auch verstärkt die Teamchefs anderer F1-Mannschaften genauer
hinschauen
BMWs erstaunliche Performance ist auch ein persönlicher Erfolg
des Rennsportdirektors. Mit welcher Philosophie führen Sie das
Team? Welche Erfahrungen brachten Sie zu Ihrem Erfolgsrezept?
Am Ende hängt der Erfolg immer von Menschen ab, die dafür kämpfen.
Wir haben ein starkes Führungsteam und hoch qualifizierte und
motivierte Mitarbeiter. Erste Aufgabe im neu zusammen gefügten
Team ist es, eine gemeinsame Vorstellung von Zielen und
Arbeitsweisen zu finden. Das erfordert Überzeugungsarbeit und
Veränderungsbereitschaft und geht nicht ohne Verluste ab. Ist das
allerdings geschafft, ist das Erfolgsrezept einfach: Das
Führungsteam entscheidet über die Marschrichtung und räumt
Hindernisse aus dem Weg, die Spezialisten finden mit ihrer
Fachkompetenz die richtigen Lösungen. In der Umsetzung ist vor
allem Konsequenz gefragt: Ziele erreichen, Zeit- und Kostenrahmen
einhalten, schneller vorankommen als die Konkurrenz. Im Grundsatz
ist die Philosophie nicht anders als bei der Entwicklung von
Serienfahrzeugen.
Welchen Anteil am Erfolg hat BMWs Rennsporttradition?
Einen sehr großen. Wir demonstrieren die Kompetenz von BMW in der
Formel 1. Das geht nur, wenn dieses Engagement sich mit dem
Selbstverständnis von Unternehmen und Mitarbeitern deckt. BMW ist
ohne Motorsport nicht denkbar, und ich mag mir auch den Motorsport
nicht ohne BMW vorstellen.
Peter Sauber wird dem Team weiter als Berater zur Verfügung
stehen. Wie wichtig ist seine Erfahrung und das, was er aufgebaut
hat?
Peter Sauber hat eine hervorragende Mannschaft aufgebaut und in
erstklassige Technik investiert. Da ist vor allem der Windkanal zu
nennen. Seine geleistete Arbeit war eine sehr gute Basis für den
Ausbau des Teams. Heute hat er sich zwar aus dem operativen
Geschäft zurückgezogen, aber seine Erfahrung und Sachkenntnis ist
uns weiterhin eine wertvolle Unterstützung, die wir nicht missen
wollen.
Die Formel Eins ist ein Sport voller Unwägbarkeiten, das
Damoklesschwert "Heute Top, morgen Flop" scheint über allen
Rennställen zu hängen. Fahrer wechseln, Regeln ändern sich, der
ständige Zwang zur Innovation scheint technisch oft nur schwer
beherrschbar etc. Wie sind da langfristig Erfolge planbar, Siege
voraussagbar? Sie selbst kündigen an: "2009 wollen wir um die WM
mitfahren".
Siege und Titel sind in der Tat nicht exakt planbar. Hier
unterscheidet sich die Formel 1 nicht von jedem anderen
Spitzensport. Was man allerdings schon kann, ist Ziele setzen und
sich auf den Weg machen. Das haben wir getan: In diesem Jahr
wollen wir aus eigener Kraft aufs Podium fahren. Das ist Nick in
Montréal bereits gelungen. 2008 wollen wir siegfähig sein und 2009
um die WM mitkämpfen. Entscheidend ist, dass wir das Zeug dazu
haben. Erst dann kommt Glück ins Spiel.
Wie stark schätzen Sie Nick Heidfeld ein? Hat er das Zeug zum
Weltmeister?
Daran habe ich keinen Zweifel. Wenn wir Nick das entsprechende
Material zur Verfügung stellen können, wird er damit gewinnen.
Dasselbe gilt für seinen Teamkollegen
Robert Kubica.
Die FORMEL 1 (und mit ihr erklärtermaßen BMW Sauber) setzt
zunehmend auf Sicherheit (siehe die neuen Regeln, den Gott sei
Dank glimpflich abgelaufenen Unfall von Robert Kubica etc.), und
das in einer Sportart, die ihre Faszination immer auch aus der
Gefahr zog. Problem oder Chance? Droht die Formel Eins langweilig
zu werden oder verwandelt sie sich positiv?
Da möchte ich Ihnen widersprechen. Ich denke nicht, dass die
Faszination der Formel 1 in Unfällen mit Verletzten liegt! Richtig
ist: Die Sicherheit hat oberste Priorität! Es geht um sportlichen
und technischen Wettkampf auf höchstem Niveau. Die Formel-1-WM war
2006 und ist 2007 extrem spannend. Wir haben gerade in den
jüngsten Rennen spannende Zweikämpfe gesehen wie seit Jahren nicht
mehr. Das spiegelt sich auch in der internationalen Aufmerksamkeit
positiv wider.
BMW Sauber ist ein Rennstall mit stark deutscher Gewichtung.
Gibt es im Profil des Teams und seiner Arbeit erkennbar deutsche
Konturen oder ist die Formel Eins so globalisiert, dass nationale
Eigenheiten keine Rolle spielen?
Wir sind ein internationales Team, das seine Wurzeln in
Deutschland und der Schweiz hat. Eine gewisse Kompatibilität von
Arbeitsweise und Kultur ist natürlich sehr hilfreich. Wir haben
damals schon in den ersten Gesprächen mit Peter Sauber erkannt,
dass wir viele Gemeinsamkeiten haben. Aber egal ob unsere
Teammitglieder aus Japan, Mexiko oder Neuseeland kommen - sie
sprechen zwar eine unterschiedliche Sprache, aber Antrieb und Ziel
sind bei allen gleich: Die Liebe zum Motorsport und der Wille zum
Siegen.

Männer im Cockpit, führende Köpfe dahinter (v.l.n.r.): Dr.
Mario Theissen, Dr. Klaus Draeger (Aufsichtsratsmitglied BMW
Group), Robert Kubica, Dr. Norbert Reithofer
(Aufsichtsratsvorsitzender BMW Group), Nick Heidfeld, Prof.
Joachim Milberg, (Aufsichtsratsvor-sitzender BMW AG).
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