
DER CHAMPION STEIGT AUS
Hommage
an den Besten Rennfahrer aller Zeiten
Nach sieben Weltmeisterschaftstiteln, 250 Grand-Prix-Starts, 68
Pole-Positions, 23219 Führungskilometern und weiteren unzähligen
Rekorden beendete Michael Schumacher beim Großen Preis von
Brasilien seine einzigartige Karriere. Der krönende Abschluss mit
der achten Weltmeisterschaft blieb ihm letztlich doch versagt. Das
Pech mit der Technik, das ihn jahrelang verschont hatte, dann aber
mit dem Ausfall beim vorletzten Rennen bereits in Suzuka die
Meisterschaftsträume platzen ließ, war auch beim Finale in São
Paulo wieder gegenwärtig.
Das verpatzte Qualifying und
der Reifenschaden gaben ihm aber die Möglichkeit, mit seiner
Aufholjagd vom letzten Platz bis auf Rang 4 vorzufahren und damit
ein letztes Mal eindrucksvoll zu demonstrieren, dass er der beste
Rennfahrer aller Zeiten ist. Wie wertvoll und wichtig dieses
Jahrhunderttalent für den Formel-1-Rennsport allgemein und für das
Ferrari-Team gewesen ist, wird wohl erst in der Zukunft deutlich
werden.
TEXT: HEINZ HORRMANN
FOTOS: xpb.cc
Nie wieder werden die
Glocken der Pfarrkirche von Maranello drei Tage lang läuten, nie
wieder gibt es besondere Beifallskundgebungen von Pfarrer Alberto
Bernadoni bei einem Weltmeistertitel von Michael Schumacher. Nach
den letzten 306 Kilometern, den 71 heißen Runden von São Paulo ist
die Ära Michael Schumacher vorbei. Selbst der Glockenschlag klingt
jetzt in Moll. Die Zeit des kollektiven Jubelns dauerte genau 13
Jahre und zwei Monate. Am Anfang dieser Zeitrechnung stand der
erste Formel 1-Sieg des damals 23-jährigen Himmelstürmers Michael
Schumacher aus dem rheinischen Kerpen. Im belgischen Spa
Francorchamps, das seine Lieblingsstrecke werden sollte, sprangen
wir zum ersten Mal bei der Siegerehrung mit ihm vor Freude in die
Luft und zerdrückten, wie er, ein paar Tränchen: Endlich wieder
ein Hero! Einer, mit dem man euphorisch sein konnte, zittern und
leiden wollte, stolz sein durfte. Die Freude am Grand Prix
verkümmerte am Tag, an dem nicht nur in Italien die Gondeln Trauer
trugen, die Vögel über Maranello rückwärts flogen und die die
Formel 1 vermarktenden TV-Sender zu zittern begannen: Es war eben
dieser Tag, an dem Schumi Abschied nahm, seine Karriere beendete,
konsequent, endgültig, ohne ein Hintertürchen für ein Comeback.
Wirklich?
Millionen Fans, die so dachten und fühlten wie ich, gingen in die
innere Immigration, nahmen ebenfalls Abschied vom Grand-Prix-
Spektakel. Mit wem sollen wir denn auch in Zukunft die Luft
anhalten, für wen die Daumen drücken, wer soll uns denn zur
Nationalhymne mit aufs Podium nehmen? Die Lust verkümmert ähnlich,
aber noch intensiver, als es beim Abschied von Boris Becker und
dem Tennissport im Lande der Fall war. Erwarten Sie keine
lupenreine Objektivität von mir, ich bin und bleibe ohne Wenn und
Aber ein „Schumianer“, aber auch mit kühler Distanz sind zwei
Erkenntnisse gesichert: Es gab weder in der Vergangenheit noch
wird es in Zukunft einen größeren Rennfahrer als Michael
Schumacher geben und zweitens ist so sicher wie das Amen in der
Kirche, dass Ferrari ohne ihn nie eine Folge derartiger
Siege eingefahren hätte. Schumacher ist nämlich nicht nur der
Weltmeister der Herzen, sondern der Mann, der aus dem
liebenswerten, kreativen Hühnerhaufen aus Maranello ein geordnetes
Team gezaubert hat. Natürlich mit der Härte und dem Biss eines
Fighters, der von unten kommt, ohne Protektion, nur mit seinem
Willen und Engagement. Gewiss, die Konkurrenten nannten und nennen
ihn kompromisslos, besessen, perfektionistisch und egoistisch. Und
wahrscheinlich haben sie Recht, aber das ändert überhaupt nichts
am Gesamtbild des Sportlers mit unbändigem Siegeswillen, der jede
Faser seines Körpers in den Rennsport gesteckt hat.
Der private Schumacher blieb uns weitgehend verborgen, von einigen
Fußballspielen einmal abgesehen. Sabine Kehm, eine wunderbare
Kollegin, die langjährige Medienberaterin von Schumacher war, hebt
einen Spalt weit den Vorhang.
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